Zahl der Retortenkinder gesunken
von Christine Pauli
Um an eigenen Nachwuchs zu kommen, bleibt vielen kinderlosen Paaren meist nur ein Ausweg: eine künstliche Befruchtung – auch In-vitro-Fertilisation (IvF) genannt. Ein medizinischer Eingriff, der nicht selten ist: Weltweit wird die Zahl der Retortenkinder auf etwa 3,5 Millionen geschätzt.
Allein in Deutschland wurden zwischen 1997 und 2005 fast 100.000 Kinder durch eine IvF gezeugt, so das Deutsche In-vitro-Fertilisations-Register (D.I.R.) Bad Segeberg. Doch seit dem Jahr 2004 befindet sich die Zahl der künstlichen Befruchtungen im Sturzflug. Denn seit dem ist das Gesundheitsmodernisierungsgesetz (GMG) in Kraft und Paare mit Kinderwunsch müssen die Hälfte der Behandlungskosten für künstliche Befruchtungen selbst übernehmen – das sind pro Behandlungszyklus 1700 bis 1800 Euro. Zudem zahlen die Krankenkassen den Zuschuss nur für die ersten drei Behandlungszyklen.
Um 43 Prozent seien die künstlichen Befruchtungen seitdem zurückgegangen, beschreibt der D.I.R.-Vorsitzende Professor Dr. Ricardo Felberbaum die Folgen.
Im Jahre 2003 waren noch 16.961 Kinder aufgrund einer künstlichen Befruchtung auf die Welt gekommen, im Jahr darauf waren es dagegen nur noch 5.260, also mehr als 11.000 Kinder weniger. Angesicht der allgemein schwachen Geburtenzahlen in Deutschland stößt diese Gesetzgebung bei Reproduktionsmedizinern auf pures Unverständnis.
Neue Methode – Künstliche Befruchtung bald effektiver?
Doch nicht nur die Kosten einer künstlichen Befruchtung schlagen kinderlosen Paaren auf das Gemüt, sondern auch deren relativ kleine Erfolgsaussichten. So erfüllt bislang nur jeder dritte Befruchtungsversuch durch eine intracytoplasmatischen Spermieninjektion – kurz ICSI – einen Kinderwunsch. Eine Befruchtungsmethode, die vor allem genutzt wird, wenn der Mann zu wenige Samenzellen produziert. Aus dem Hodengewebe gewinnen Ärzte dabei einzelne funktionstüchtige Spermien, die sie anschließend in Eizellen einspritzen. Die Frau muss zuvor Hormonpräparate zu sich nehmen, damit in ihren Eierstöcken mehrere Eizellen gleichzeitig heranreifen.
Nachdem Spermien in mehrere Eizellen künstlich injiziert wurden, dauert es etwa 26 Stunden, bis die Zellkerne von Ei- und Samenzelle verschmelzen und ein Embryo entsteht. In diesem Zeitraum müssen sich die behandelnden Ärzte entscheiden, welche der zahlreichen künstlich befruchteten Eizellen in die Gebärmutter implantiert werden. Denn das deutsche Embryonenschutzgesetz erlaubt nur maximal drei befruchtete Eizellen pro Versuch.
Gezielte Auswahl der Eizellen
Die Auswahl der Eizellen blieb dabei bislang meist dem Zufall überlassen. Doch Wissenschaftler der Universität Bonn um Dr. Markus Montag haben jetzt in einer Studie mit 124 Frauen herausgefunden, dass sich die Erfolgschancen einer ICSI verdoppeln lassen. Dazu ist es wichtig, dass die Forscher die Eihülle unter einem Mikroskop etwas genauer betrachten: “Sie erscheint dort als leuchtend orange-roter Ring. Je heller dieser Ring ist und je gleichmäßiger er leuchtet, desto höher die Chance, dass daraus ein Kind entsteht”, erklärt Montag.
Setzten die Bonner Mediziner diese “guten” Eizellen in die Gebärmutter zurück, stieg die Erfolgsquote der künstlichen Befruchtung um über 50 Prozent. Bei einer “guten” und einer “schlechten” Eizelle lagen die Erfolgsaussichten immer noch bei 40 Prozent. “Allerdings sind ‘gute’ Eizellen rar”, betont der Reproduktionsbiologe. “Nur bei zwei von zehn Zellen ist die Eihülle kräftig und gleichmäßig orange gefärbt.” Die Bonner Forscher haben gemeinsam mit einer Software-Firma ein Programm entwickeln, die das Mikroskop-Bild analysiert und die geeignetsten Eizellen vorschlägt. “So lässt sich das Verfahren problemlos und ohne großen Aufwand in die klinische Routine implementieren”, erklärt Montag.