Zwanghaftes Haareausreissen, Trichotillomanie ist genetisch bedingt
“Das ist ja zum Haare ausreissen” kommt einem gelegentlich über die Lippen, wenn es darum geht ein besonders schwieriges Problem zu lösen. Doch für einige Menschen ist das Haareausreissen an sich das Problem. Denn sie leiden an einer Erkrankung, die sich Trichotillomanie nennt. Geraten die Betroffenen in für sie scheinbar ausweglose Situationen, wie den Verlust eines Freundes, Ärger am Arbeitsplatz oder einen verpassten Termin, dann reißen sie sich einzelne Haare an Kopf, Wimpern oder Augenbrauen aus. Danach fühlen Sie sich für einen kurzen Moment entspannt, ärgern sich anschließend aber über sich selbst. Die betroffenen Menschen versuchen kahle Stellen am Kopf durch Hüte, Tücher oder kreative Frisuren zu kaschieren. Aus Scham vertrauen sie sich meist keinem Arzt oder Psychotherapeuten an.
Anfangs als Krankheit nicht anerkannt
Erst seit etwa einem Jahrzehnt beschäftigen sich Wissenschaftler mit dem Phänomen des zwanghaften Haareausreissens. Anfangs war nicht klar, ob es sich dabei um einen Zwang oder nur eine “dumme Angewohnheit” handelt, an der vermutlich drei bis fünf Prozent der Bevölkerung leidet. Psychologen erklären sich das Phänomen als eine Art “Ventil”: hat sich bei dem Betroffenen Wut, Frust oder Enttäuschung angesammelt, ohne die Möglichkeit sich beispielsweise durch ein Gespräch Luft zu verschaffen, macht er sich über die eigenen Haare her.
Erstes Gen aufgedeckt, das bei der Entstehung von Trichotillomanie eine Rolle spielt
Über die Ursachen von Trichotillomanie konnten Wissenschaftler bisher bloß spekulieren. Doch jetzt haben Forscher des humangenetischen Instituts der Duke Universität im US-Bundesstaat North Carolina herausgefunden, dass Gene einen wichtigen Einfluss darauf haben, ob wir dazu neigen, uns zwanghaft die Haare auszureißen oder nicht. Die Wissenschaftler untersuchten 44 Familien, in denen eine oder mehrere Personen von Trichotillomanie betroffen sind: Dabei fanden sie heraus, dass zwei Veränderungen im so genannten SLITRK1 Gen nur bei Menschen mit Trichotillomanie vorkamen, jedoch nicht bei Familienmitgliedern, die keinen Drang zum Haareausreissen haben. SLITRK1 ist damit das erste Gen, das mit dieser Erkrankung in Zusammenhang gebracht wird und interessanterweise auch eine Rolle beim Tourette-Syndrom spielt, eine Krankheit, die wie Trichotillomanie zur Gruppe der Zwangserkrankungen gehört.
Vermutlich noch weitere Gene beteiligt
Der leitende Wissenschaftler Dr. Stephan Züchner betont allerdings, dass noch weitere Gene an der Entstehung von Trichotillomanie beteiligt sind, die es noch aufzudecken gilt. Bei Menschen, die von diesen Genveränderungen betroffen sind, würden dann Umwelteinflüsse das zwanghafte Verhalten auslösen, so die Wissenschaftler um Züchner.