GENESA - Gesundheits-Netz Saarlouis
Es stellt sich vor:
Dr. med. Volker Rettig-Ewen

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Bandscheibenvorfall

Bewegungs- und Schulungsprogramme, die vier bis sechs Wochen nach der Operation eines Bandscheibenvorfalls beginnen, können die Genesung beschleunigen. Es ist nicht belegt, dass Bewegungstrainings mit höherer Intensität wirksamer sind als weniger intensive Programme. Helfen können auch von Krankenkassen angebotene Rehabilitationsprogramme.
 
Ein Bandscheibenvorfall im unteren Teil der Wirbelsäule (Lendenwirbelsäule) ist eine häufige Ursache von Rückenschmerzen und Ischiasbeschwerden, bei denen die Schmerzen bis ins Bein hinunterschießen. Die aus Knorpel bestehenden Bandscheiben wirken wie Stoßdämpfer zwischen den einzelnen Wirbeln unserer Wirbelsäule. Wenn eine Bandscheibe Stabilität verliert, etwa durch Verschleiß, funktioniert dieser Puffer nicht mehr so gut, und es kann zu einem Bandscheibenvorfall kommen. Die Schmerzen entstehen vermutlich deshalb, weil die beschädigte Bandscheibe sich ausdehnt und auf einen Nerv im Bereich des Rückenmarks drückt. Je nach Ausprägung spricht man in der Medizin von einer „Bandscheibenprotrusion” (Vorwölben) oder von einem „Bandscheibenprolaps” (Vorfall der Bandscheibe). Diese Beschwerden können aber auch auftreten, ohne dass ein Bandscheibenvorfall festgestellt werden kann.

Schätzungsweise 1 bis 2 % aller Menschen bekommen in ihrem Leben irgendwann einmal Rückenschmerzen, die von einem Bandscheibenvorfall herrühren. In der Altersgruppe über 30 Jahren treten Bandscheibenprobleme häufiger auf, bei Männern doppelt so häufig wie bei Frauen. Die Ursache ist meistens irgendeine Fehlbelastung des Rückens, insbesondere schweres Heben. Aber ein Bandscheibenvorfall kann auch entstehen, wenn man viel sitzt, weil dies den Rücken ebenfalls stark belastet – und auch starkes Übergewicht könnte das Risiko erhöhen. Ein Bandscheibenvorfall kann sich plötzlich ereignen oder mit Rückenschmerzen beginnen, die mit der Zeit stärker werden.

Meistens erholt man sich von solchen Bandscheibenproblemen innerhalb von etwa sechs Wochen, sodass es oft ausreicht, die Schmerzen zu lindern und Bücken, Drehbewegungen und schweres Heben zu meiden. Häufig wird auch Physiotherapie eingesetzt. Manchmal ist ein Bandscheibenproblem allerdings auch sehr schwerwiegend oder bessert sich einfach nicht von allein. In diesem Fall unterziehen sich viele Betroffene einer Operation, um die Bandscheibe zu „reparieren”. In Deutschland werden jährlich mehr als 140.000 Operationen dieser Art durchgeführt. Manche Menschen lassen sich auch mehrfach operieren.
Nach einer solchen Operation wird eine Vielzahl unterschiedlicher Bewegungstrainings oder Rehabilitationsprogramme angeboten. Manche Ärztinnen und Ärzte empfehlen, die Rehabilitation unter physiotherapeutischer Anleitung unmittelbar nach der Operation zu beginnen. Andere wiederum raten dazu, erst einmal abzuwarten. Es gibt auch unterschiedliche Empfehlungen dazu, wie intensiv ein solches Training sein soll.
 
Bewegungstraining und Rehabilitation können für die Genesung nach einer Bandscheibenoperation eine sehr wichtige Rolle spielen. Ein Bewegungstraining kann aber auch zu einer erneuten Verletzung oder zu einem instabilen Rücken führen und so die Genesung letztendlich verzögern. Deshalb muss in wissenschaftlichen Untersuchungen nachgewiesen werden, welche Programme mit größerer Wahrscheinlichkeit helfen.
Studien zu Bewegungstraining und Rehabilitation: Es könnte helfen, vier bis sechs Wochen nach der Operation damit zu beginnen.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Cochrane Collaboration in den Niederlanden und Australien haben nach Studien gesucht, mit denen sich die Frage beantworten lässt, wie Bewegungstraining zur Genesung nach einer Bandscheibenoperation am besten eingesetzt werden kann. Die Cochrane Collaboration ist ein internationales Forschungsnetzwerk, das sich zum Ziel gesetzt hat, systematisch die Ergebnisse von Studien auszuwerten, um die Wirksamkeit medizinischer Maßnahmen zu bewerten. Am aussagekräftigsten sind sogenannte randomisierte kontrollierte Studien. In solchen Studien werden die freiwilligen Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer nach dem Zufallsprinzip in Gruppen aufgeteilt, von denen eine die zu testende Behandlung und die andere(n) ein Scheinmedikament (Placebo), keine oder eine andere Therapie erhalten. Auf diese Weise ist es möglich, herauszufinden, wie sich die Behandlung auf die Gesundheit der Teilnehmenden auswirkt.
 
Die Cochrane-Wissenschaftlergruppe fand 14 Studien mit fast 2000 Teilnehmenden, die sich einer Bandscheibenoperation im Lendenwirbelbereich unterzogen hatten. Etwa die Hälfte dieser Studien war nicht von guter wissenschaftlicher Qualität; dennoch konnten einige der Studien Antworten auf verschiedene wichtige Fragen geben.
Zwei Studien von ausreichender Qualität (mit knapp über 100 Personen) ergaben, dass Bewegungsprogramme, die vier bis sechs Wochen nach der Operation starteten, dabei halfen, wieder beweglicher zu werden – zumindest während die Studie lief. Die Teilnehmenden in den Bewegungsgruppen berichteten auch über weniger Schmerzen; allerdings gibt es noch nicht genug Belege, um mit Gewissheit sagen zu können, dass das Bewegungstraining Schmerzen lindert. Das Training erhöhte auch nicht die Wahrscheinlichkeit, dass eine erneute Operation notwendig wurde.
Es gab keine starken wissenschaftlichen Belege zu den Auswirkungen eines Bewegungstrainings, mit dem man unmittelbar nach der Operation beginnt. Deshalb wissen wir nicht, ob es den Genesungsprozess eher fördert oder verlangsamt.

Höhere Intensität ist nicht unbedingt besser. Zwei weitere Studien von ausreichender Qualität (mit rund 160 Personen) zeigten, dass Bewegungsprogramme mit höherer Übungsintensität nicht beweglicher machten als weniger intensive Programme. Allerdings lieferten alle Studien, die sich mit dieser Frage befassten, widersprüchliche Ergebnisse. Eine Studie berichtete, dass Personen, die Programme mit höherer Übungsintensität absolvierten, schneller wieder arbeiten gehen konnten, während die übrigen Studien keinen Unterschied feststellten. Die unterschiedliche Übungsintensität hatte keinen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit, dass ein zweiter Eingriff nötig wurde. Möglicherweise minderten die Programme mit höherer Übungsintensität auch die Schmerzen, aber das weiß man noch nicht genau.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fanden eine qualitativ gute Studie zu einem Rehabilitationsprogramm, das von einer gesetzlichen Krankenkasse in Belgien angeboten wurde. 710 Personen nahmen an dieser Studie teil. Sie wurden während des Programms von Ärztinnen und Ärzten begleitet, die sie einmal im Monat individuell berieten, anleiteten und bei Bedarf zum Beispiel zur Physiotherapie überwiesen. Nach einem Jahr hatten lediglich 10 % der Teilnehmenden ihre Arbeit noch nicht wieder aufgenommen; bei denjenigen, die nicht an diesem Rehabilitationsprogramm teilgenommen hatten, waren es im Vergleich dazu 18 %.

Zu den Programmen in den ausgewerteten Studien gehörten eine persönliche Beurteilung der Bewegungseinschränkungen und die individuelle Anpassung der Übungen an die eigenen Bedürfnisse. Weitere Bestandteile waren eine Rückenschulung sowie Dehnungsübungen und Krafttraining. Die Cochrane-Wissenschaftlergruppe war jedoch der Auffassung, dass noch nicht ganz klar ist, welche Art von Bewegungstraining nützlicher ist und ob die Programme von einer Fachkraft begleitet sein sollten. Sie wird ihre Analyse aktualisieren, sobald weitere Studienergebnisse verfügbar sind, und wir werden dann an dieser Stelle darüber berichten.

Autor: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)



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